Die Außenseiter von Atlantis

»Man lachte über Kolumbus, Fulton und die Gebrüder Wright. Aber man lachte auch über den Clown Bozo.«
Carl Sagan

Unter den Anhängern grenzwissenschaftlicher Hypothesen genießt der wissenschaftliche Außenseiter einen geradezu legendären Ruf: Der Außenseiter, der sich alles, was er weiß, als Autodidakt beibrachte, der hartnäckig und unbeirrbar an seine Ideen glaubt, der von der Fachwelt verlacht wird, aber am Ende doch recht behält.

Sind nicht diese Außenseiter die wahre Triebkraft des menschlichen Wissensdrangs, die Innovatoren mit den frischen Ideen - im Gegensatz zu der verkalkten Schulweisheit?
Auf den ersten Blick scheint es wirklich so zu sein: Neuerern wird stets (berechtigterweise!) mit Skepsis, manchmal leider auch mit Arroganz und Spott, begegnet. Sind diese Neuerer Außenseiter?

Ja, denn Außenseiter ist strenggenommen jeder, der eine Theorie vertritt, die deutlich der etablierten akademischen Mehrheitsmeinung widerspricht.
Fast immer nein , jedenfalls im Sinne des Außenseiter-Mythos, denn die allermeisten wissenschaftlichen Neuerer sind Fachleute . Den Autodidakten, der eine großartige neue Idee hat, auf die die Fachwelt, da sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sah, nicht kam, gibt es zwar, aber kommt vergleichsweise selten vor.

Am Beispiel Atlantis läßt sich sehr schön zeigen, welche Unterschiede es zwischen Außenseitern und Außenseitern gibt.
Im populärwissenschaftlichen Umkreis der Archäologie blüht der Außenseiter-Mythos besonders heftig (Stichwort: »Heinrich Schliemann und Troja«). Viele Atlantistheorien deutlich pseudo-, para- oder protowissenschaftlich, sprich grenzwissenschaftlich, orientiert.

Atlantis brachte wie kaum ein anderes Thema eine unübersehbaren Fülle an Theorien, Hypothesen, Spekulationen hervor - nach vorsichtigen Schätzungen wurde an die 2000 Bücher zu diesem Thema geschrieben.
(Zum Thema "Pseudo- und Parawissenschaft" siehe auch mein Essay "An den Grenzen der Wissenschaft" .)

Die etablierte wissenschaftliche Lehrmeinung
 
Es gibt eine allgemein anerkannte und in jeder Hinsicht plausible wissenschaftliche Lehrmeinung zum Thema Atlantis. Sie lautet schlicht: »Atlantis ist eine literarische Fiktion«.
In dieser Hinsicht ist sich die erdrückende Mehrheit der Archäologen und Althistoriker völlig einig. Das soll, dem Vernehmen nach, ja durchaus nicht immer der Fall sein.

Der Atlantis-Mythos ist, im Gegensatz zum Trojanischen Krieg , zum Argonautenzug oder auch zu den Sagen über König Arthus oder dem Nibelungenzyklus , kein jahrhundertelang im Volk mündlich weitererzählter Stoff, keine sagenhafte Ausgestaltung möglicherweise historischen Geschehens!
Der Atlantis-Mythos wurde von einem einzigen Autor , dem altgriechischem Philosophen und Schriftsteller Platon (eigentlich Aristokles, 427 - 347 v. u. Z.) begründet. Der altgriechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete zwar schon vor Platon von einem Volk der Atlanter, diese lebten allerdings südöstlich des Atlas-Gebirges in Nordafrika.
In seinen Dialogen Timaios und Kritias berichtet Platon von einer riesigen Insel, größer als Kleinasien und Nordafrika zusammen, die rund 8000 Jahre (laut Timaios ) oder 9000 Jahre (laut Kritias ) vor dem athenischen Staatsmann Solon (ca. 640 - 560 v. u. Z.) jenseits der Säulen des Herkules im Atlantik gelegen habe. Die Atlanter hätten Bronze und sogar schon Eisen gekannt - und hatten eine hochdifferenzierte Gesellschaftsstruktur. Die Hauptstadt Basilea war Tag und Nacht vom Lärm der Kaufleute erfüllt, das Land war unermeßlich reich. Besonders hob Platon die Opferriten der Atlanter, ihre Sportkampfstätten und ihre Pferderennen hervor - und ihre gewaltige Streitmacht, nebst einer Kriegsflotte mit 1200 Schiffen. Aus »Habsucht und schrecklicher Machtgier« begannen die atlantischen Könige, die Mittelmeerwelt zu erobern. Die Atlanter hätten vergeblich versucht, Athen und Ägypten zu erobern. Der Zorn der Götter traf sie: Durch Erdbeben und Überschwemmungen versank Atlantis im Meer.

Basilea - Hauptstadt von Atlantis
Im Grunde genommen ist diese Geschichte angesichts aller bekannten archäologischen und geologischen Befunde völlig absurd:
Zehntausend Jahre vor der Zeitenwende herrschte überall noch tiefste Steinzeit, selbst die fortgeschrittensten Kulturen kannten noch keinen Ackerbau, wo eines Tages Athen liegen sollte, war unbewohnter Wald, über Nordeuropa und den Alpen lagen noch die sich langsam zurückziehenden Eiszeitgletscher.
Sicher, als die Gletscher schmolzen, versanken ganze Landstriche in der steigenden See. Doch gerade da, wo Atlantis laut Plato liegen sollte, mitten im Atlantik, konnte kein Land untergehen - einfach, weil es da keines gab! Wir wissen heute, daß Europa und Amerika seit Jahrmillionen auseinanderdriften. Der Tiefseeboden reißt entlang des Mittelatlantischen Rückens auf, wo vulkanisches Material ständig neuen Meeresboden bildet. Beiderseits dieses unterseeischen Vulkangebirges wird der Meeresboden, wie Schwerefeldmessungen und Tiefsee-Sedimentproben ergaben, immer älter, die ihn bedeckenden Sedimentschichten immer mächtiger. Selbst im Gebiet des Delphinrückens bei den Azoren, wo einige Geologen noch in den 60er Jahren ein Landabsinken für möglich gehalten hatten, kann innerhalb der letzten 20 Millionen Jahre kein trockenes Land gewesen sein. Alle Versuche, Atlantis im Atlantik zu orten, haben sich damit erledigt.

Hinzu kommt, daß Platon seine Dialoge eben nicht schrieb, um von Atlantis zu berichten. Timaios und Kritias gehören zu einem Zyklus von Dialogen, in denen er seine Vorstellung von einem idealen Staat entwickelt, und zu dem auch Politeia (Der Staat) gehört, in der er eine der frühesten (und autoritärsten!) Utopien der Geschichte entwickelte. Im Timaios möchte Platons philosophischer Lehrer Sokrates , nachdem er eine Rede über den idealen Staat gehalten hatte, diesen Staat gern einmal, wie es wörtlich heißt, »in Bewegung« sehen - er wünscht ein Gedankenexperiment, wie sich solch ein Staat in einer Krise verhält. Kritias berichtet ihm, es hätte nach Aufzeichnungen seines Urgroßvaters, dem Staatsmann Solon, der dieses Wissen von Priestern aus Sais in Ägypten hätte, vor 8000 Jahren schon einmal so einen Staat im alten Athen gegeben. Dieser hätte sich gegen das mächtige Atlantis behaupten können. Im Kritias verlagert sich der Schwerpunkt deutlich auf die Beschreibung von Alt-Athens Gegnerin Atlantis. Damit nicht genug: Platons berühmtester Schüler Aristoteles (384 - 322 v. u. Z.) schrieb: »Der Mann, der Atlantis träumte, ließ sein Trugbild auch wieder verschwinden.«

Wo lag also Platons Atlantis? Nach dem heutigen Stand des Wissenschaft gar nicht weit weg vom Schlaraffenland, in ungefährer Richtung Shangri-La, in Sichtweite von Thomas Morus Utopia, man braucht nur Bants Narrenschiff zu folgen, bis man Swifts fliegende Insel Laputa erblickt.

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Eine Chance für sachkundige Außenseiter
Die etablierte Meinung der Schulwissenschaft hat also fast alle Argumente für sich. Fast alle.
Daß man sich schließlich doch noch die Köpfe darüber zerbrach, ob Atlantis mehr war als ein gedankliches Konstrukt Platons, verdanken wir Krantor von Soloi (um 300 v. u. Z.). Er glaubte im Gegensatz zu Aristoteles an die Echtheit der Atlantis-Geschichte und lieferte dafür einen Beleg. Solon, so hieß es, hätte den Atlantis-Bericht von ägyptischen Priestern gehört. Krantor stellte Nachforschungen in Ägypten an, und war nach eigenen Angaben dabei auf schriftliche Urkunden aus uralter Zeit gestoßen, die das durch Platon überlieferte Zeugnis Solons bestätigten. Weitere antike Historiker, die diesen Berichten nachgingen und sie bestätigten, waren Diodor von Sizilien , Claudius Aelian und Philo von Alexandrien .

Das ist die wichtigste Spur, an die sich Außenseiter des ersten Typs, die sachkundigen Außenseiter heften. Außenseiter dieses Typs sind entweder vom Fach, also selber Archäologen oder Althistoriker (und damit keine Außenseiter im Sinne des Mythos) oder sie sind zumindest, als Quereinsteiger, sehr gut mit diesem Arbeitsgebieten vertraut - bekanntlich leisten viele Amateur-Archäologen hervorragende Arbeit. Sie schieben die Argumente der Schulwissenschaft nicht einfach beiseite - sie erkennen die gut untermauerten Fakten an, und setzen sich auch dort, wo sie anderer Meinung sind, gründlich mit ihnen auseinander. Alle Atlantisforscher dieses Typs erkennen an, daß Plato in erster Linie eine Utopie schrieb, und daß die Große Atlantistheorie , der zufolge der die mysteriöse Insel die Wiege der Zivilisation sei, Quatsch ist.
Allerdings meinen sie, daß Platon nicht aus dem hohlen Bauch schrieb, sondern ältere Quellen benutzte. Es geht also um einen, wie auch immer gearteten, historischen Kern, nicht darum, Platon wörtlich zu nehmen. Sie gehen außerdem davon aus, daß die Zeitangaben und die geographischen Angaben Platons fiktiv oder zumindest drastisch übertrieben sind: Atlantis muß in einer Zeit existiert haben, aus der grundsätzlich eine Überlieferung möglich ist, also etwa ab 3000 v. u. Z., es kann kein Kontinent gewesen sein und dürfte innerhalb der Platon bekannten Welt gelegen haben.

Eine der möglichen Quellen Platons wird in Ägypten vermutet, wo er wahrscheinlich einige Jahre lebte - er war also nicht unbedingt auf die stille Post Sais-Priester - Solon - Kritias - Sokrates angewiesen. Die ägyptischen Gewährsleute könnten allerdings den antiken Forschern leicht einen Bären von der Größe der Cheops-Pyramide aufgebunden haben, ohne daß diese dies bemerkten. Auch Herodot und Aristoteles saßen mehrmals albernem Fremdenführer-Garn auf.

Was bleibt, ist die Suche nach Platons ägyptischen Quellen. Dabei ist die Ausgangslage heute schlechter als in der Antike, denn nur ein winziger Bruchteil der zu Platons Zeiten noch vorhandenen Papyrusrollen und Inschriften ist erhalten. Dennoch gibt es tatsächlich Texte, die fast wörtlich mit einen Teil der Atlantis-Geschichte übereinstimmen: die Siegesinschriften von Medinet Habu , die Ramses III. um 1170 v. u. Z. in die Wände seines Palasttempels meißeln ließ, die Tempelinschriften in Karnak aus der selben Zeit, und der Große Papyrus Harris , eine Chronik.
In diesen Quellen ist von einer Invasion der Seevölker gegen Ägypten die Rede, von einer Kollation mit Kreta und Libyen. Geht man diesen Seevölkern archäologisch nach, findet man, daß tatsächlich um diese Zeit das Hethierreich, Kreta, diverse Stadtstaaten in Kleinasien und fast alle Städte des mykenischen Griechenlands zerstört wurden (wichtigste Ausnahme war Athen). Allerdings ist es nicht ganz klar, ob hier immer Eroberer der Seevölker am Werk waren. Sie haben nämlich keine eindeutigen archäologischen Spuren hinterlassen. Man fand zwar einige bronzene Griffzungen- und Griffangelschwerter, geflammte Speerspitzen, Dolche, Fibeln und mit Buckeln versehenen Rundschilde, Waffen und Gebrauchsgegenstände, die man auch von den ägyptischen Siegesreliefs von Medinet Habu kennt, wie man sie auch im nördlichen Balkan, an der Adria und im Donauraum gefunden hat - nur: diese wenigen Stücke könnten auch durch normalen Handel in die wenig später untergegangen Städte gelangt sein. Sicher ist nur, daß es heftige Kämpfe in Palästina gab,gegen die aus dem Alten Testament bekannten Philister, und das Ägypten nur mit viel Glück und unter hohen Verlusten der Eroberung entging. Platons Quellenangabe ist also nicht völlig unglaubwürdig.

Eine weitere Quelle Platons ist offensichtlich Homers Odyssee . Homers Schilderung Scherias, dem Land der Phäaken, stimmt auffällig mit Platons Schilderung von Atlantis überein. Zu guter Letzt bemerkten die Atlantisforscher, daß das von Platon skizzierte Gemeinwesen deutlich spätbronzezeitliche Züge trägt. Es bleibt festzuhalten, daß, obwohl Platon wahrscheinlich ältere Quellen benutzte, entscheidende Passagen literarische Fiktion sein dürften. Der sogenannte Atlantis-Bericht verhält sich zum historischen Geschehen vielleicht so, wie sich Sir Walter Scotts Ivanhoe zum historischen Verlauf des dritten Kreuzzugs verhält.

So weit, so gut. Wenn Atlantis auf der Seevölker-Invasion beruht, bleib die Frage, wo in der späteren Bronzezeit eine größere Insel (ersatzweise ein Küstenstrich) im Meer versank. Dazu haben die „Außenseitern vom Fach" extrem unterschiedliche Theorien.

Die bekannteste stammt vom griechischen Archäologen Syridon Maritanos (1901 - 1974).
Ihm zufolge ist Atlantis mit der alten „minoischen" Kultur Kretas, identisch.
Die Indizien scheinen zu stimmen: die minoische Kultur ging während des 15. Jahrhunderts v. u. Z. relativ plötzlich unter. Es war eine bronzezeitliche Kultur, die auch den von Platon erwähnte Stierkult betrieb. Das wichtigste Argument war eine wirkliche untergegangene Insel Thera , allgemein als Santorin bekannt. Allerdings ist sie nicht völlig untergegangen, es ist „nur" ein Teil von ihr bei einem Vulkanausbruch um 1650 v. u. Z. buchstäblich explodiert. Dabei wurde die reiche Stadt Akrotiri, die mit der minoischen Kultur in enger Beziehung stand, von Bimsstein verschüttet. Die Seebeben und Ascheregen zogen, dieser Theorie zufolge, auch das „Mutterland" Kreta so schwer in Mitleidenschaft, daß die alte Zivilisation schon bald Invasoren von griechischen Festland erlagt. Außerdem lag das minoische Kreta tatsächlich mit dem mykenischen Athen im Krieg und es unterhielt nachweislich sehr enge Beziehungen mit Ägypten.
Die „Atlantis-Kreta-Theorie" gilt inzwischen als widerlegt. Die minoische Zivilisation überlebte den Santorin-Vulkanausbruch nämlich um mehrere Jahrzehnte und wurde, nach neueren Grabungsergebnissen, nur wenig von See- und Erdbeben und Ascheregen heimgesucht.

Einer der „Totengräber" dieser Theorie, der deutsche Geoarchäologe Eberhard Zangger , stellte 1992 seine eigenen Atlantis-Theorie auf:
Atlantis und Troja sind identisch!
Das „homerische" Troja wurde in der Zeit des „Seevölkersturms" um 1180 v. u. Z. zerstört, es war bronzezeitlich geprägt, kannte aber auch schon über das benachbarte Hethiterreich Eisen, es fiel wie Atlantis dem „Zorn des Poseidon" zum Opfer - bei einem Erdbeben stürzte ein Teil der Befestigungsanlagen ein, und zwar in kriegerischen Zeiten. Poseidon war nicht nur ein Meeresgott, sondern auch der Gott der Erdbeben und der Pferde. Die Stadtanlage Trojas ähnelt mit ihren Ringgräben auffällig der Atlantis-Hauptstadt Basilea - und der Bezug zur homerischen Dichtung besteht ebenfalls.
Trotzt seines wissenschaftlichen Renommees gilt Zangger übrigens seit „Atlantis/Troja" als Rebell und Außenseiter.

Nur ein verschwindend kleiner Teil der zahlreichen Atlantis-Theorien stammen von Fachleuten oder von Amateuren, die sich „außerakademisch" gründlich fachkundig gemacht haben. Die Standort-Hypothesen  „Troja" , „Kreta / Thera" , „Thrakien" , „Triton-See" , „Tartessos" , „Bretagne" und, als echter Grenzfall zur Pseudowissenschaft , „Nordsee ( Helgoland)" , dürften mehr oder weniger fachlich untermauert sein. Die meisten dieser Theorien gelten heute übrigens als widerlegt.

(Übrigens: auch der gerne angeführte Heinrich Schliemann war eindeutig ein „sachkundiger Außenseiter"!)

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Crackpots, Sensationstheoretiker, Mystiker
Die meisten Atlantis-Theorien sind wenig seriös. Man kann die pseudo- und parawissenschaftlichen Atlantis-Sucher grob und mit vielen Übergängen in drei Gruppe aufteilen: „Crackpots", „Sensationstheoretiker" und „Mystiker".

Die „Crackpots"
Zu deutsch „die mit dem Sprung in der Schüssel", vulgo auch „Spinner" genannt.
Das sind eigentlich ganz normale Zeitgenossen, in den meisten Fällen keineswegs dumm, hin und wieder sogar mit einer gewissen Sachkunde ausgestattet, die sich irgendwann einmal eine fixe Idee in den Kopf gesetzt haben und diese - ohne Rücksicht auf eventuelle Fakten und immun gegen Kritik und Selbstzweifel - mit großem Eifer vertreten.
Ein typisches Merkmal vieler „Crackpot"-Schriften ist der Satz: „Der uns hier interessierende Teil von Platons Dialog lautet ..."
Allgemein gesprochen, greifen sie sich die jeweils „passenden" Fakten heraus. Das Interesse (und manchmal wohl auch das Wissen) dieser Sorte Außenseiter beschränkt sich meistens auf bestimmte Ausschnitte des Themenkomplexes. Die „Theorien" „kommen" deshalb „hin", weil wesentliche historische oder geologische Tatsachen großzügig ignoriert werden.
Ein aktuelles Bespiel ist die „Atlantis lag in den Anden" -Theorie. Auch wenn dort tatsächlich einmal eine Zivilisation plötzlich einer Naturkatastrophe zum Opfer fiel, dürfte sie schwerlich mit Platos Atlantis identisch sein (Stichworte: Krieg gegen Ägypten, Seefahrervolk, Pferde, Bronze und Eisen usw. usw.). Wer Atlantis bei den Azoren sucht, müßte aus geologischen Gründen 30.000 bis 50.000 Jahre zurückgehen, bis er dort auch nur versunkene Küstenstriche findet. Ähnliches gilt für „Atlantis bei den Bermudas" . Wer Atlantis am Amazonas sucht, muß seinen Lesern die Angaben Platons über Waffen und Ausrüstung verheimlichen, wer es bei den Osterinseln tut, die zeitliche Abfolge - die Osterinsel-Kultur entstand lange nach der Zeit Platons. 
Aber die Atlantis-Sucher geben nicht auf: südlich von Grönland , im tibetischen Hochland , auf Sri Lanka , in Laos , in der Sahara , bei Jan Mayen , im Kaukasus usw. usw. - es gibt kaum einen Landstrich oder Meeresbodenabschnitt, der nicht irgendwann einmal „atlantis-verdächtig" gewesen wäre.

Eine weitere Eigenheit dieser Sorte Außenseiter ist seltsame Form der Autoritätshörigkeit. Sie mißtrauen zwar der „Schulwissenschaft", aber ihre selbstgewählten Lieblingsautoritäten gegenüber sind sie auffällig unkritisch. So türmt sich eine wilde Spekulation auf die andere, wie ein wackeliger Turm aus Tassen. Oft ist auch simples Wunschdenken im Spiel - oder völlig von den Tatsachen abgehobene freie Spekulation: etwa ein Atlantis, das moderne Technologie bis hin zu Atomkraft besaß, Atlantis als Kolonie Außerirdischer oder auch „nur" ein atlantisches Super-Sündenbabel. Als Science Fiction oder Fantasy ist das in Ordnung - nicht jedoch im Gewand eines Sachbuchs. Solche Spekulationen degenerieren, wenn sie für wahr gehalten werden, allzu leicht zu Wahnsystemen!



Die Sensations-Theoretiker (oder Paradox-Prediger)
Inhaltlich ähnelt die Darstellungen dieser Autoren oft denen der „Crackpots", manchmal unterscheiden sie sich - oberflächlich betrachtet - nicht von „seriösen" Theorien, meistens geben sich zumindest einen seriösen Anstrich.
Ihr typisches Merkmal: Sie suchen nicht nach der plausibelsten , sondern nach der sensationellsten Erklärung eines Phänomens. Anders ausgedrückt: sie werfen „Occams Messer" - jene Erklärung ist die beste, die mit den wenigsten unbewiesenen Annahmen auskommt - absichtlich weg. 
Was, außer dem Prickel der Sensation, treibt Paradox-Prediger?
In einigen Fälle Ideologie. Im Falle „Atlantis" gibt es z. B. etliche stark braun verfärbte „Theorien", die dort die Urheimat der „arischen Rasse" sehen.
Nazi-Propaganda-Buch

Häufiger sind es Geltungsdrang und simple Geschäftsinteressen: Atlantis „zieht" immer.
So baut Erich von Däniken immer wieder mal Atlantis in seine Bücher ein, ohne das dieses seine „Götter-Astronauten"-These irgendwie untermauert.
Besonders wirksam ist es, wenn man als Sensationstheoretiker mehrere rätselhafte Phänomene kombiniert - wie es Charles Berlitz in den 70er Jahren tat, als er das Bermuda-Dreieck, die UFOs und Atlantis zur ultimativen Sensations-Theorie vereinte.

Ob der Urheber einer Sensationstheorie fachlich versiert oder ein „Crackpot" ist, ob er an seine Theorie selber glaubt oder nicht, ob er die Öffentlichkeit liebt oder geheimnisvoll-zurückgezogen lebt, ist zweitrangig .
Wichtiger ist das Gespür für den „Zeitgeist".
Rassistische Theorien - die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre „Blütezeit" erlebten -  sind nach „´45" natürlich „out". Raumfahrt und High-Tech bereicherte ab Ende der 50er Jahre den Atlantis-Markt, ein Hauch Esoterik wird immer gern genommen, und als es auf die Jahrtausendwende zuging, waren Katastrophentheorien aller Art wieder unheimlich „in".
Der Nimbus des rebellischen Außenseiters, des „Querdenkers", gehört für den echten Sensationstheoretiker natürlich einfach dazu - so wenig originell seine Theorie sonst auch sein mag.



Die Atlantis-Mystiker
Für diese große Gruppe unter den Atlantis-Anhängern sind historische oder geologische Tatsachen Nebensache.
Einige berühmte esoterische Autoren schrieben über Atlantis, z. B. „der schlafende Prophet" Edgar Cayce , die Begründerin der Theosophie, Helena P. Blavatsky, oder Rudolf Steiner , als Schöpfer der Waldorf-Pädagogik und des biologisch-dynamischen Landbaus wohl bekannter als Begründer der Anthroposophie. Es gibt ein erstaunlich detailliertes esoterisches Atlantisbild ; was darauf zurückzuführen ist, daß die Atlantis-Mystiker - außer dem alten Platon - mit den Visionen medial begabter Menschen weitere „Quellen" haben.

Unter Esoterikern (und solchen, die sich dafür halten) ist es recht beliebt, sich an eine frühere Inkarnation auf Atlantis zu „erinnern". Damit einher geht die Überzeugung, viele frühere Atlanter würden gerade heute wieder inkarnieren, um die Welt von einem ähnlichen Schicksal, wie es einst Atlantis erlitt, zu bewahren.
Das Interessante daran ist, daß viele dieser Visionen unabhängig voneinander immer wieder ähnliche Inhalte haben - es bildete sich sogar ein gewisser Konsensus bezüglich des mystischen Atlantis heraus:
Atlantis war demnach wirklich ein Kontinent und es existierte wirklich vor rund 10.000 Jahren im Atlantischen Ozean. Die Atlanter waren größer, lebten viel länger und waren spirituell viel höher entwickelt als wir. Sie konnten sich telepatisch miteinander verständigen, hellsehen und Materie in einer Weise manipulieren, die alle spätere Magie in den Schatten stellte. Diese Gaben wurden ihnen zum Verhängnis, da sie die Magie immer mehr zum Zwecke des persönlichen Machtgewinns mißbrauchten. Die „magische Umweltverschmutzung" wurde immer stärker, bis die freigesetzten Kräfte nicht mehr zu kontrollieren waren: Es kam zum magischen „Super-GAU", der Kontinent verschwand.
Da sie ihr Schicksal kannten, sandten sie ihre Schiffe in alle Teile der Welt aus. An Bord waren Priester, Magier, Wissenschaftler - sie verbreiteten ihre überlegene Kultur, Spiritualität und Technik unter den Völkern der Erde. Nur Bruchstücke der Tradition von Atlantis sind heute noch als Geheimwissen überliefert.

Was ist davon zu halten? Interessant ist sicher das auffällig übereinstimmende Atlantis-Bild der verschiedenen Medien. Es könnte auf einen tief in unserer Kultur verwurzelten „echten" alten Mythos vom „goldenen Zeitalter" hindeuten, einen Mythos, aus dem auch Platon schöpfte.
Mythen (in diesem Sinne) und Märchen enthalten Wahrheiten, obwohl sie nicht auf historischen Tatsachen beruhen. Man kann in diesem Zusammenhang auch mit den „Archetypen" der Jungschen Tiefenpsychologie argumentieren.
Davon abgesehen ist das Atlantis der Mystiker ist nicht wissenschaftlich greifbar, es ist unmöglich, diese Auffassung zu widerlegen: Es ist eine religiöse Aussage.
So ganz unproblematisch ist dieses „esoterische Atlantis" allerdings nicht: ganze Generationen von keineswegs mystisch denkenden „Crackpots" nehmen diesen Mythos allzu wörtlich und zahlreiche geschäftstüchtige Sensationstheoretiker nutzten ihn als Steinbruch.
Noch übler ist die enge Verquickung des „esoterischen Atlantis" mit rassistischen Heilslehren . Die Theosophie-Begründerin Helena Blavatsky legte ausgerechnet in ihrer Atlantis-Geschichte den Grundstein zur „Wurzelrassenlehre", dem „rassistischen Sündenfall der modernen Esoterik", die auch die „Vordenker" der Nazi beeinflußte.


Fließende Grenzen
Natürlich sind die Kategorien „sachkundiger Außenseiter" - „Crackpot" - „Sensationstheoretiker" und „Mystiker" keine sauber voneinander getrennten „Schubladen".
Übergänge sind nicht selten, wie z. B. die „Atlantis lag bei Helgoland" -Theorie Jürgen Spanuths - einer bizarren Mischung aus sachkundiger Vorgeschichtsforschung, Spinnerei und heftiger Sensationsmache. Er erkannte z. B. als einer der ersten den Zusammenhang von „Seevölkern" und Atlantis, und identifizierte die „Seevölker" mit der mitteleuropäischen „Urnenfeld"-Kultur (eine Theorie, die im Laufe der letzten Jahrzehnte an Plausibilität gewann).
Andererseits neigte er zu  versponnenem Wunschdenken - Spanuth war Pastor an der Nordseeküste und suchte „sein" „vorweggenommen-christliches" Atlantis nahe der Heimat - und nicht zuletzt war Atlantis bei Helgoland eine auf den Zeitgeist der westdeutschen Nachkriegszeit abgestimmte Sensationstheorie. Nicht vergessen darf man, daß Spanuth mitunter unkritisch an Arbeiten der SS-Stiftung „Ahnenerbe" anknüfte und zumindest nichts dagegen hatte , daß einige seiner Bücher im rechtsextremistischen Grabert-Verlag erschienen. 

Außenseiter der Wissenschaft gibt es viele, unter ihren einige, die wirklich frischen Wind in die Forschung bringen -und viele, die leider nur Wind machen. Die Erfolge sachkundiger, ernsthaft forschender, kritischer und vor allem selbstkritischer Außenseiter taugen nicht dazu, in Außenseitern an sich die Helden des menschlichen Wissensdranges zu sehen.

Ein - zugegeben polemischer - Vergleich aus der Medizin: Tausende Patienten verdanken ihre Heilung oder zumindest die Linderung ihrer Leiden medizinischen Außenseitermethoden. Ein Akupunkteur ist - immer noch - ein Außenseiter, wie z. B. ein traditioneller Kräuterheiler oder ein Heilpraktiker, der auf die Pulsdiagnostik zurückgreift. Aber auch ein Scharlatan, der mit einem silbernen Löffel in einer Wanne mit Leitungswasser herumrührt und es dann als „Heilwasser" teuer an heilungssuchende Patienten verscherbelt, ist ein Außenseiter!

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Erstmals erschienen im „Perry Rhodan Journal Wissenschaft und Technik", März 2001

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