Projekt "Lunex"
Das geheime Mondflugprogramm der US Airforce in den 1960er Jahren.
 
Immer wieder gibt es Gerüchte über geheime Raumfahrtprogramme, die technisch weit fortgeschrittener gewesen wären als ihre „offiziellen" Gegenstücke. Obwohl an den meisten dieser Gerüchte wenig dran ist, gab es tatsächlich einige ehrgeizige Geheimprojekte - so das „Lunar Expedition Programm" („Lunex") der US Airforce.

Als US-Präsident John F. Kennedy im Mai 1961 einen bemannten Mondflug noch vor 1970 ankündigte, lag ihm neben dem Apollo-Projekt der NASA auch das Lunex-Projekt der Air Force vor. Die USAF hatte sich schon seit 1957 mit Studien und Planungen für eine bemannte militärische Mondbasis befaßt, 1961 war die Planung im fortgeschrittenen Stadium. Bekanntlich entschied sich Kennedy für Apollo, Lunex behielt allerdings seine hohe Geheimhaltungsstufe. In Zeitabständen von jeweils 12 Jahren wurden die Lunex-Papiere um je eine Geheimhaltungsstufe heruntergestuft, so daß sie 1997, nach 36 Jahren, der Fachöffentlichkeit bekannt wurde.

Wie sollte Lunex ablaufen?
Lunex sah einen „direkten Mondschuß" vor - ein Betanken im Erdorbit (Earth Orbit Rendezvous, EOR) oder der Einsatz einer Mondfähre, bei dem das Mutterschiff in der Mondumlaufbahn geblieben wäre (Lunar Orbit Rendezvous, LOR), wie beim späteren Apollo-Programm, wurden als zu unsicher verworfen. Dafür brauchte man eine sehr leistungsstarke Trägerrakete: Die BC 2720 des Lunex-Programms hätte eine Nutzlast von über 60 Tonnen auf Mondkurs bringen müssen - die Saturn V des Apollo-Programms „nur" 47 t. Lunex-Trägerrakete, der Startturm ist in einen Hang hineingebaut
Lunex zielte von vornherein auf eine militärische Mondbasis ab - in ersten Linie zu Spionagezwecken. Der Geheimreport läßt zudem durchblicken, daß durchaus an einen regelrechten Krieg im All gegen die UdSSR gedacht war - beide Supermächte einwickelten z. B. bereits mit Atomwaffen bestückte Raumstationen. Lunex war als zentrales bemanntes Programm der USA vorgesehen, gleichsam „nebenher" sollten z. B. bemannte Raumstationen entwickelt werden.

Kernstück des Lunex-Programm - und damit aller bemannten Raumfahrtprojekte der USAF - war ein 9,30 m langer 3-Mann-Raumgleiter. Das aerodynamisch in der Form eines Auftriebskörpers mit zusätzlichen Tragflächen gestaltete Rückkehrfahrzeug hätte etwas über 9 Tonnen gewogen. Ähnlich wie der spätere Space-Shuttle war es für antriebslose Landungen nach Segelflugzeugart ausgelegt und wäre als einzige Lunex-Komponente wiederverwendbar gewesen. Für die Mondlandung wäre am Heck des Gleiters eine Landestufe mit den Mondabstiegstriebwerk und den vier teleskopartigen Landebeinen angebracht worden, die Aufstiegsstufe für die Rückkehr zur Erde wäre in ihr „eingebettet" gewesen. Das gesamte Fahrzeug wäre mit eingefahrenen Landebeinen ca. 16 m hoch gewesen und hätte - teilweise betankt - ca. 60 t gewogen.
Ein erster bemannter Flug des 3-Mann-Raumgleiters in einer Erdumlaufbahn war schon für April 1965 geplant.

Für Lunex war eine Art „Versorgungsdepot" auf dem Mond vorgesehen. Es entlastet den eigentlichen Lander, so sollte der Treibstoff für den Wiederaufstieg vom Mond aus dem Depot aufgetankt werden. Ohne diesen Tankvorgang wäre ein direkter Mondflug mit einem so schweren Gerät wie dem Raumgleiter nicht machbar gewesen, denn voll betankt hätte das Mondschiff zu viel für die Trägerrakete gewogen; zu viel auch für eine sichere Mondlandung mit den vorhandenen Triebwerken. Da eine ständige Basis vorgesehen war, war dieses scheinbar umständliche Verfahren kein Nachteil, da ohnehin ständige unbemannte Nachschubflüge erforderlich gewesen wären. Um die nötigen automatischen Punktlandungen zu gewährleisten, wären zunächst modifizierte Suveyor -Mondsonden mit Peilsendern am Ort des künftigen Stützpunktes gelandet. Im Juli 1966 hätte erstmals ein Frachttransporter auf dem Mond landen sollen, mit ca. 20 Tonnen Ladung, hauptsächlich Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff.
Die erste bemannte Mondumkreisung war für September 1966 geplant.

Bemannte Mondlandung und Rückkehr: Sommer 1967!
Gemäß der optimistischen Planung sollte etwa ein Jahr später der erste bemannte Mondflug folgen. Er hätte etwa so ablaufen können:

August 1967 . Vom Startplatz, der Cap Canaveral Air-Force-Base, hebt die gewaltige dreistufige BC 2720-Trägerrakete ab. Sie ist eine sehr moderne Konstruktion und benutzt die hochenergetische Treibstoffkombination Flüssigwasserstoff/Flüssigsauerstoff. Die erste Stufe ist mit zusätzlichen Feststoffboostern ausgestattet, um die gewaltigen 6000 t Startschub zu erreichen. An ihrer Spitze trägt sie den bereits bewährten Gleiter mit den drei Astronauten und der angekoppelten Lande- und Aufstiegsstufe.

Schemazeichnung des Gleiters mit Landestufe
Nach dem Start schwenkt die Drittstufe der Trägerrakete mit dem Mondschiff in eine erdnahe Parkbahn ein. Noch einmal werden alle Systeme des komplizierten Raumfahrzeugs gescheckt. Sobald die optimale Position erreicht ist, zündet die Raketenstufe ein zweites Mal und bringt das Lunex-Schiff auf Mondkurs, danach wird sie abgetrennt.
Nach ca. 2 ½ Tagen Flugzeit beginnt der Abstieg zum bereits vorbereiteten Mond-Basislager. Sicher geleitet durch die Funkfeuer setzt das Raumschiff nur knapp 50 Meter neben dem Frachtmodul auf. Die USAF-Astronauten betreten den Mond und pflanzen das Sternenbanner auf der Mondoberfläche auf. Sie haben in den knapp fünf Tagen ihres Mondaufendhalts ein volles Programm: Unter anderen müssen sie die Startstufe ihres Raumschiffs betanken und verschiedene Einrichtungen der künftigen „Moon Air Force Base" installieren. Schließlich erfolgt der Rückstart zur Erde, die Landestufe bleibt als Startrampe zurück. Später soll sie für die Mondbasis ausgeschlachtet werden.
Nachdem Lunex auf Erdkurs ist, wird auch die Aufstiegstufe abgetrennt. Ein besonders heikles Manöver steht den Astronauten noch bevor: der Hochgeschwindigkeits-Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Mehrmals „prallt" der Gleiter gezielt von der Erdatmosphäre ab, wie ein flach geworfener Stein auf dem Wasser. Bei jedem „Aufditschen" verliert das Raumschiff ohne Treibstoffeinsatz Geschwindigkeit. Schließlich taucht der Gleiter endgültig in die Atmosphäre ein und landet nach antriebslosem Gleitflug auf dem ausgetrockneten Salzsee der Edward-Air-Force-Base.
Feldzug zur Eroberung des Mondes
Diese erste Mondflug wäre erst der Auftakt zum eigentlichen Programm gewesen. Weitere Frachtraketen landen Material auf dem Mond, außer Treibstoff Wohnzylinder, Lebensmittel, Wasser, Sauerstoff, einen 300 kW Nukleargenerator und natürlich die nicht näher deklarierten „militärischen Gerätschaften". Ab Januar 1968 sollte es eine ständige bemannte Mondexpedition geben, 1971 wäre die militärische Mondbasis voll ausgebaut gewesen.
Risszeichnung des Lunex-Raumschiffs
Um im August 1967 einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen, hätte das Programm im Juli 1961 beschlossen und seine Finanzierung sofort gesichert werden müssen. Anfang 1963 hätten die grundsätzlichen Planungen abgeschlossen sein sollen, etwa zur selben Zeit hätte man mit dem Bau der Fluggeräte begonnen. Mehrere Test- und Entwicklungsphasen hätten parallel liegen müssen - ähnlich, aber im weitaus größeren Ausmaß wie bei Apollo. Die Tests des Wiedereintrittskörpers könnten z. B. nicht auf die erste einsatzklare Rakete warten, sie sollten mitvorhandenen Thor-Able und Atlas-Raketen ablaufen, die erste Frachtlandung hätte zu einem Zeitpunkt erfolgen müssen, zu dem die Tests der bemannten Landestufe noch nicht abgeschlossen gewesen wären usw.. Das Management - richtiger wäre in diesem Fall wohl: die Befehlsstruktur - wäre mit sehr wenigen Entscheidungsträgern und fast ohne Kontrolle von außen ausgekommen, alle wichtigen Entscheidungen wären „Chefsache" und nicht hinterfragbar gewesen. Einrichtungen der zivilen NASA und deren Forschungsprojekte sollten rücksichtslos in die USAF-Planung einbezogen werden - damit wäre die Gründung der NASA ad Absurdum geführt worden. Lunex sollte buchstäblich ein „Feldzug zur Eroberung des Mondes" sein.
Warum entschied sich die US-Regierung gegen Lunex?
Der wahrscheinlich wichtigste Grund für die Ablehnung fällt schon bei flüchtiger Lektüre der Geheimstudie auf: Der Zeitplan war extrem überoptimistisch!

Die erste Mondlandung sollte schon 1967 stattfinden, mit Raumfahrzeugen, die deutlich anspruchsvoller als die des Apollo-Projektes gewesen wären. Heute ist klar, daß Lunex beim Stand der Technik der frühen 1960er Jahre noch nicht machbar gewesen wäre.
Die Schwierigkeiten beim Bau eines wiederverwendbare, nach Flugzeugart landenden Raumfahrzeugs wurden drastisch unterschätzt. Sogar der vergleichsweise bescheidene Dyna-Soar-Raumgleiter der US-Airforce wurde wegen technischer Probleme und der damit verbundenen Kostenexplosion um 1966 aufgegeben. Bordcomputer, deren Speicherkapazitäten und Rechengeschwindigkeit für Lunex ausgereicht hätten und die kompakt genug gewesen wären, um in das Raumschiff zu passen, gab es in den 1960ern noch nicht. Elektrostatische Gyroskope, wie sie beim Lunex-Gleiter zum Einsatz kommern sollten, zum Beispiel, waren erst in den späten 1970er mit der in B-52 Bombern eingebauten SPN-GNS-Plattform technisch ausgereift. Selbst die „simplen" keramischen Hitzeschildkacheln der Space-Shuttles standen noch nicht zur Verfügung.
Das konnten die Berater Kennedys natürlich nicht vorhersehen. Als Luft- und Raumfahrtexperten wußten sie aber sehr wohl, daß ein schon ein neuer Flugzeugtyp zwischen 5 und 10 Jahre von der Konzeption bis zur Einsatzreife brauchte. Selbst das ernorme Entwicklungstempo der US-Raumfahrt der 1960er hätte für das ehrgeizige Lunex-Programm nicht ausgereicht. Geht man davon aus, daß Lunex genau so zügig wie Apollo verwirklicht worden wäre, hätte die Lunex-Mondlandung frühestens etwa 1971 stattfinden können. Und schon Apollo war ein „Crash-Programm" - schnelle Ergebnisse hatten Vorrang gegenüber Wirtschaftlichkeit!

Dann wären da noch die Kosten. Lunex hätte - nach den überoptimistischen Schätzungen - ungefähr das 1,5 fache des Apollo-Programms gekostet.
Ein Knackpunkt der Studie war vermutlich, daß aus ihr nicht so recht schlüssig wurde, wozu die Airforce überhaupt eine Militärbasis auf dem Mond brauchte. Spionage läßt sich vom Erdorbit aus besser betreiben, und eine Atomraketenstellung auf dem Mond ist eher Schnapsidee als strategische Planung.
Außerdem bevorzugte die Kennedy-Regierung ein bemanntes Raumfahrtprogramm unter ziviler Leitung - schon aus propagandistischen Gründen. („We came in peace for all mankind", Plakette auf der Apollo-11-Mondfähre „Eagle".) Hinzu kamen die enormen industrie- und forschungspolitischen Vorteile, die ein Großprojekt ohne lästige Geheimhaltung und militärische Sicherheitsvorschriften hatte. Man denke nur an die zahlreichen technischen „Spinn Offs" des Apollo-Projekts und an die - bei einem Militärprojekt kaum mögliche - internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit.
 
Lunex - was blieb?
Für die spätere Entwicklung der Raumfahrt wäre es vermutlich von Vorteil gewesen, wenn die US-Regierung sich für Lunex entschieden hätte. Die Vereinigten Staaten hätten schon am Ende der 1960er Jahre über ein Startfahrzeug verfügt, daß dem Space Shuttle sehr ähnlich gewesen wäre: Feststoff-Booster, eine mit Flüssigsauerstoff/Flüssigwasserstoff betriebene Kernstufe und ein wiederverwendbares Raumfahrzeug für aerodynamische Landungen nach Flugzeugart. Lunex hätte mit Sicherheit eine bessere Ausgangsposition für nachfolgende Programme geboten als Apollo. Mit dem Lunex-Booster in der Frachtversion hätte man außerdem den bis heute fehlenden „Schwertransporter" gehabt.
Aber schon das abgebrochene USAF-Mondprojekt hatte Ergebnisse. Es war der Hauptgrund dafür, daß die USAF ab ca. 1958 mehrere technisch fortgeschrittene und große Raketenmotoren entwickeln lies, z. B das noch heute verwendete LR-115 (RL-10), das ursprünglich als regelbarer Motor für den Lunex-Lander vorgesehen war, die gewaltigen Triebwerke J-2 und F-1, die später in den Saturn-Raketen zum Einsatz kamen, und große Feststoff-Raketen. Ohne diese „Vorarbeit" durch das USAF-Programm wäre Apollo nicht termingerecht zu verwirklichen gewesen. Viele Lunex-Ideen leben in „abgespeckter" Form weiter, zum Beispiel der Dyna-Soar, der es fast zur Einsatzreife schaffte.

Dieses „fast" gibt auch eine Ahnung, was vermutlich auch mit Lunex geschehen wäre: Der Vietnamkrieg verschlang ab Mitte der 1960er den Löwenanteil des Air-Force-Etats, so daß das gesamte bemannte Raumfahrtprogramm der Air Force eingestellt werden mußte. Apollo wurde dagegen aus einem anderen „Topf" bezahlt und war bis zur ersten erfolgreichen Mondlandung nicht von Kürzungen betroffen. (Nach Apollo 11 wurde allerdings auch der NASA-Etat kräftig gestutzt.)

Martin Marheinecke,  Juni 2000
Dieser Artikel erschien erstmals im Perry Rhodan Journal Wissenschaft & Technik Nr. 31
Copyright (c) of all graphics: United States Air Force
Der vollständige LUNEX-Report kann auf der „Encyclopedia Astronautica"-Website unter http://www.friends-partners.org/~mwade/articles/lunex.htm eingesehen werden.

Homepage der „Encyclopedia Astronautica":
http://www.friends-partners.org/~mwade/spaceflt.htm
Spiegelseiten:
http://www.rocketry.com/mwade/spaceflt.htm
http://www.friends-partners.ru/partners/mwade/spaceflt.htm
http://solar.rtd.utk.edu/~mwade/spaceflt.htm

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zur Übersicht Technik und Naturwissenschaft

Zurück zur Hauptseite